Manfred Krain

 

Den Staub von der Seele wandern

Begegnungen und Erkenntnisse auf

dem Jakobsweg

 

Bücher über den Jakobsweg gibt es wie Sand am Meer und man möchte fast glauben, dass mittlerweile alle Geschichten darüber erzählt wurden. Wer den Weg nach Santiago de Compostela einmal selbst gegangen ist, weiß allerdings, dass an jeder Ecke auf dem Weg eine Geschichte darauf wartet, erzählt zu werden.

 

„Warum bist du auf dem Weg?“, ist die erste Frage, die sich Pilger einander stellen. Die einen wollen nur auf einer schönen Strecke wandern, andere folgen dem Hype, wieder andere möchten mehr zu sich selbst finden oder hoffen auf spirituelle Erleuchtung.

 

Manfred Krain ist den Weg gegangen, um sich den Staub von der Seele zu wandern. Neben wunderbaren Landschaften und Orten hat er Begegnungen erlebt und Erkenntnisse gewonnen.

 

Die wichtigste war: Der Pilgerweg endet nicht in Santiago, sondern geht das ganze Leben lang weiter.

 

Von all diesen kleinen Wahrheiten über das Leben und von den Begegnungen mit skurrilen, interessanten, liebenswerten und weniger liebenswerten Menschen erzählt er in diesem Buch, dass Sie sich als Lektüre in den Wanderrucksack packen sollten.

 

 

ISBN 978-3-940853-49-3 |

Paperback,388 Seiten | EUR 15,-

Leseprobe

Vor einigen Jahren habe ich Fallschirmspringen selbst einmal ausprobiert. Es begann mit der Idee, einmal im Leben etwas Besonderes zu machen, etwas, das Mut erfordert, etwas, das man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so ohne Weiteres wiederholen würde. Als Kind träumte ich schon davon, wie ein Vogel fliegen zu können. Alles, was sich durch die Luft bewegte, weckte mein Interesse. Mein Freund Rainer und ich saßen eines Abends bei einem Bier und er blätterte in einem Info-Heft der Volkshochschule. Er zeigte mit dem Finger auf ein Kursangebot und grinste.
„Das wäre doch was für uns.“
Ein Sprung aus 4.000 Metern Höhe, 120 Sekunden mit einer Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h in Richtung Erde fallen und dann gemütlich an einem Schirm zu Boden segeln. Wenige Wochen später setzten wir den Entschluss in die Tat um. Allein das Training mit Theorie und Praxis für diesen einzelnen Sprung dauerte 12 Stunden. Dann kam der Moment, an dem ich mit klopfendem Herzen auf der schmalen Metallschiene der kleinen Maschine stand und sich unter mir ein grün-gelber endloser Teppich von Feldern ausbreitete. Der Höhenmeter zeigte 4.200 Meter. Es gab kein Zurück mehr. Meine beiden Begleiter – zwei junge Kerle im Alter von 25 und 30 Jahren – und ich hüpften nach einem kurzen Blickkontakt auf mein Kommando in den blauen Himmel. Dann wurde es laut. Das Rauschen der Luft an meinen Ohren glich einem Orkan und mit zunehmender Geschwindigkeit wurde es richtig kalt. Ich spulte das geschulte Programm mit Zeichen und Bewegungen und vor allem dem wiederholten Blick auf den Höhenmesser ab. Dann war es soweit:
Es wurde Zeit, den Auslöser für den Schirm zu ziehen. Aber ich konnte den Abzugsgriff an der Seite meines Schirmrucksackes nicht finden, so sehr ich auch suchte. Plötzlich sah ich direkt vor meinen Augen das Zeichen des gestreckten Zeigefingers einer meiner Begleiter. Es bedeutet: Sofort ziehen! In dieser Situation verließ mich mein bewusstes Handeln. Die Erde raste auf mich zu und ich war vor Angst wie gelähmt und zu keiner Handlung fähig. Plötzlich gab es einen Ruck, meine Beine und Füße flogen vor meinen Augen hoch nach oben und für einen Moment flog ich mit dem Kopf nach unten, weiter der Erde entgegen. Diese unangenehme Situation änderte sich dann in Sekunden, denn es gab einen weiteren, heftigen Ruck in meinem Geschirr. Dann stellte ich mit großer Erleichterung fest, dass sich mein Schirm vollständig geöffnet hatte. Sofort überprüfte ich die Lenkbarkeit des Schirms und machte mich auf den Weg zum Landeplatz. Es dauerte eine gefühlte halbe Stunde, in der ich viel Zeit hatte, den Blick von oben zu genießen. Ich schwebte über einer Spielzeuglandschaft. Erst sah ich die großen weißen Wolken am Himmel, dann in der Ferne Kühltürme, Wälder, Dörfer. Später konnte ich sehr gut Einzelheiten erkennen wie Autos, Gehöfte und am Ende sogar die Menschen, die auf dem Landeplatz ihre Köpfe in den Nacken gelegt hatten und uns zusahen. Ich fuhr einige große Schleifen rechts und links herum. Die Landung bestand aus einem langen Rutsch mit dem Hintern durch das Gras. Dann stand ich und mein Schirm fiel langsam zusammen. Niemals in meinem Leben war ich glücklicher, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren! Ich raffte die Leinen und den Schirm zusammen, nahm alles unter den Arm und marschierte erleichtert und auch mit etwas Stolz zur Baracke am Rande des Landeplatzes. Hier wartete meine Frau auf mich und nahm mich ,it sicherlich ebenso großer Erleichterung in den Arm.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Und was hat sie mit meiner Pilgerschaft zu tun? Hier gibt es viele Parallelen. Was bewegte mich zu springen? Was trieb mich an, mich auf den Weg zu machen? Waren es Abenteuerlust, Sinnsuche, die Erlebnisse, ein Kick, der Adrenalinschub, die Suche nach tiefem
Gottvertrauen, erlebbare Glücksmomente, Demut, das Erleben unendlicher Dankbarkeit? Wer sich auf den Weg macht, erfährt von seinen Mitmenschen Gefühle, die von Neid über Bewunderung bis hin zur völligen Ablehnung reichen. Wie oft habe ich gehört, dass der Pilgerweg nach Santiago jetzt ‚angesagt’ ist. Jemand musste mir mitteilen, dass er doch nur reiner Kommerz sei und man doch in seinem stillen Kämmerchen viel billiger und vor allem schneller zu Lebenserkenntnissen gelangen könne. Andere – und das ist glücklicherweise die Mehrheit – nehmen eine eher interessierte und zustimmende Haltung ein. Sicherlich beurteilt jeder seine Pilgerschaft individuell, aber eins ist klar: Er muss sich auf den Weg machen, alle Neider, Nörgler, Bedenkenträger und Bremser hinter sich lassen. Er muss die Leinen lösen, den Anker lichten, sich trennen, aufbrechen. Er muss sich auf die Pilgerschaft mit allen Unwägbarkeiten einlassen. Er muss vertrauen, loslassen und er braucht eine gehörige Portion Lebenstüchtigkeit und auch ein Quäntchen Glück. Der Fallschirmsprung, sowie der Weg nach Santiago gaben mir eines der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens:
Ob ich fliege oder gehe, irgendwann begegnet mir jemand. Er begleitet mich eine zeitlang. Dann trennen uns unsere Lebenswege wieder. Mag sein, dass sich unsere Wege wieder zusammenführen. Auf dem Weg begegnen mir viele Menschen. Manche gehen mit mir lange, andere nur einen Tag oder ein paar Stunden oder nur Minuten. Zwei Menschen haben mich nur zwei Minuten begleitet, besser: sind mit mir geflogen und haben auf mich aufgepasst. Das waren meine beiden Engel, Reinhard und Flori, mein Trainer, der hatte meinen Schirm gezogen, als er merkte, dass ich in meiner Aufgeregtheit den Auslöser nicht finden konnte. Tausend Gründe hätte ich gehabt, den Weg nach Santiago nicht zu gehen. Tausend Gründe hätte ich gehabt, nicht zu springen. Ich musste sie ignorieren, sonst wäre ich nie gesprungen, nie gegangen.

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