Pia Lüddecke:                                                                  Der schwarze Teufel. Ein Schauermärchen

Ein vergessenes, von Wäldern und Sümpfen umgebenes Dorf im westfälischen Nirgendwo. Ein verwittertes Fachwerkhaus am toten Ende der hinterletzten Straße. Eine egozentrische Außenseiterin mit Hang zum Größenwahn.

Im tiefsten Innern sehnt sich Claudia nach Zuwendung, Freundschaft und guten Noten. Doch ihre Eltern, zwei arbeitsscheue Aussteiger, schämen sich für ihre Strebertochter. In der Schule wird sie gehänselt und mit dem Rohrstock drangsaliert. Da schleicht sich eine unheimliche Macht in ihr Leben und unterbreitet ihr ein verlockendes Angebot …

»Pia Lüddecke schreibt scharfzüngige Märchen für Erwachsene, die man auch dem magischen Realismus zuordnen könnte. Ihre Erzählung einer Kindheit in einem ins Grimmhafte überzeichneten und zugleich deutlich erkennbaren Westfalen ist einerseits übernatürliche Legende und andererseits die böseste und zutreffendste Satire auf die fatalen Auswirkungen eines Aufwachsens unter 68er-Eltern, die seit Sophie Dannenberg eine deutsche Autorin verfasst hat.«

— Oliver Uschmann [„Hartmut und ich“]

 

ISBN 978-3-940853-43-1
Paperback, 200 Seiten

mit 10 farbigen Illustrationen von Vera Möhring
EUR 11,00

 

 

Leseprobe

 

Es heißt, die Kindheit sei die schönste Zeit des Lebens. Dass ich nicht lache! Wer solchen Sermon von sich gibt, der hat wohl verdrängt, wie es damals wirklich war: Klein und allein unter Erwachsenen, unterdrückt und gepiesackt von Geistern, die niemand sonst sehen kann, verwirrt und machtlos, sich Gehör zu verschaffen oder die Dinge in irgendeiner Form zu beeinflussen. Mit Sicherheit ist er nicht bei uns auf dem Dorf groß geworden. Doch ich will nicht klagen. Ich will mich erinnern, die Wahrheit niederschreiben. Oder das, was ich für die Wahrheit halte. Auch ich habe vieles verdrängt und die düsteren Bilder der Vergangenheit mit helleren Farben übermalt, wurde getäuscht und indoktriniert, bis sich Wahn und Wirklichkeit kaum noch auseinanderhalten ließen. Was mich vor das Problem stellt: Wie erzählt man seine Lebensgeschichte, wenn man den eigenen Erinnerungen nicht trauen kann?
     Wenn ich mich stark konzentriere, sehe ich die dunkle Gewitternacht, in der das Elend seinen Anfang nahm. Eine alte Kräuterhexe, die sich zufällig in die Gegend verirrt hatte, soll die Schmerzensschreie meiner Mutter gehört und mich auf die Welt geholt haben – so die Version meiner Eltern, die weiter erklärten, dass die Geburt sie völlig überraschend und unvorbereitet getroffen habe. Ich war nicht das, was man ein Wunschkind nennt. Aber weil ich sie mit meiner kratzbürstigen Art amüsierte und unsere schäbige Absteige genug Platz für drei bot, benannten sie mich nach der Kräuterhexe, Claudia, und nahmen mich in ihre kleine Wohngemeinschaft auf.
     Die Erinnerungsfetzen, die in manchen Nächten kurz vor dem Einschlafen im Durcheinander meiner Gedanken aufblitzen, stimmen mit diesem offiziellen Text meiner ersten Stunden auf Erden jedoch nicht ganz überein: Sie handeln von süßen Wiegenliedern, blauen Kornblumen und dem betörenden Duft nach frisch gebackenem Korinthenstuten. Schmetterlinge tanzen über meiner Nase. Ich lache – vielleicht zum letzten Mal für viele Jahre. Dann plötzlich Schreie, Scherben und stampfende Schritte. Ich werde aufgegriffen, fliege, verliere das Bewusstsein. Und als ich die Augen wieder aufschlage, starrt mich ein fremder Mann an. Mein Vater! Es duftet jetzt nicht mehr nach Stuten, stattdessen verpestet sein saurer Atem die Luft. Das rote, aufgedunsene Gesicht mit den stacheligen, blonden Bartstoppeln jagt mir Angst ein und ich beginne mit der herzzerreißenden Inbrunst eines unglücklichen Frühchens zu schreien, weil ich ahne, dass dies nicht der Ort ist, an den ich gehöre und dass man mich hier nicht besonders gut leiden kann.
   Wenn ich ein wenig vorspule, erscheinen ähnlich widersprüchliche Bilder vor meinem inneren Auge. Nehmen wir mich zu Vorschulzeiten: eine kleine Rotznase mit rostroten Strubbelhaaren und aufmüpfigem Blick, die Äpfel aus den umliegenden Gärten mopst, um sich in ihrem Versteck im Gebüsch bis zum Erbrechen vollzustopfen und mit einzelnen missratenen Exemplaren auf unliebsame Altersgenossen zu zielen. Eine tolldreiste Unruhestifterin, deren vorlautes Gebaren die gesamte Nachbarschaft in Angst und Schrecken versetzt. An einem besonders kreativen Tag scheine ich hinter der Kapelle Feuer gelegt und die Reifen des Leichenwagens mit dem Schnitzmesser bearbeitet zu haben.
     Meine Eltern amüsierten sich noch Jahre später köstlich über diese Streiche und auch ich glaube, mich an die eine oder andere Szene zu erinnern, obwohl mir meine sinnlose Gewalt gegenüber fremdem Eigentum inzwischen peinlich ist. Gegen kleinere, unbemerkte Diebstähle oder Racheaktionen gibt es meiner Meinung nach nichts einzuwenden, aber blinde Zerstörungswut liegt eigentlich weit unter meinem Niveau. Was die Frage aufwirft, ob die wirren Schnipsel in meinem Kopf tatsächlich der Realität entsprechen. Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker beschleicht mich der Verdacht, dass ich das Opfer einer perfiden Gehirnwäsche geworden sein könnte! Wäre es nicht immerhin möglich, dass mir all die Torheiten, die ich als Knirps angeblich begangen haben soll, nachträglich eingeflüstert wurden? Dass mein formbarer Verstand die angeberischen Darstellungen meiner Eltern, ohne sie zu hinterfragen, in eigene, lebendige Erinnerungen verwandelt hat? Dass ich ein schlaues Mädchen bin, das sich selbst für eine tölpelhafte Apfeldiebin hält, weil man es ihm lange genug eingeredet hat? Was sagt das über die Glaubwürdigkeit dieser Erzählung aus? Und welches Licht wirft es auf meine Eltern?
     Was ich euch nun schildern möchte, ist nichts für zarte Gemüter und dazu so unfassbar, dass ihr es für die krankhafte Ausgeburt eines kindlichen Fiebertraums halten mögt – ich will es euch nicht verübeln. Bisweilen überfallen mich selbst Zweifel, ob ich es wirklich erlebt habe. Um dem Kern des Ganzen auf die Schliche zu kommen und Gedächtnislücken zu schließen, werde ich auch jene Geschehnisse rekonstruieren, die sich – von mir selbst und den meisten anderen Menschen zum damaligen Zeitpunkt mehr oder weniger unbemerkt – an benachbarten Schauplätzen zugetragen haben könnten. Vielleicht gelingt es mir so, die Wahrheit im Laufe der Geschichte zu ergründen.
     Genau genommen handelt es sich um ein Dreigestirn aus Geschichten, die – eine unglaublicher als die nächste – mir noch heute, Jahrzehnte später, einen Schauer über den Rücken jagen. Der Beginn liegt weit zurück, halb versunken in den Nebeln der Vergangenheit, doch glaube ich, mich zu erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre.

Wir hausten damals ohne Strom und fließendes Wasser in einem uralten Bauernhaus am äußersten Zipfel einer einsamen, von Feldern, Sümpfen und Wäldern umgebenen Ortschaft mitten im westfälischen Nirgendwo. Wobei ›Nirgendwo‹ durchaus wörtlich zu verstehen war: Als territoriale Grauzone an der Grenze zwischen dem qualmenden Kohlenpott und dem aufblühenden Münsterland tauchte die Gegend auf Landkarten nur in Form eines ominösen weißen Flecks auf. Menschliche Wesen siedelten hier einzig aus zwei Gründen: Weil sie, wie ich, hier geboren waren und erst herausfinden mussten, dass die Welt jenseits der dunklen Wälder weiterging, oder weil sie, wie meine Eltern, auf der Suche nach einem alternativen Refugium fernab der Zivilisation zufällig in dem vergessenen Nest gestrandet waren und sich ihren Fehler nicht eingestehen wollten.
     Unser Haus befand sich am toten Ende der hinterletzten Straße. Der verwitterte Balken über dem Deelentor bezeugte das Baujahr 1772, doch wenn man dem glaubte, was die Alten im Dorf munkelten, musste sich auf der kleinen Anhöhe oberhalb des Mühlenbaches einst ein mittelalterlicher Herrensitz befunden haben. Nachdem die Burg bei einer Schlacht bis auf die Grundmauern niedergebrannt war, entstand auf der rußgeschwärzten Erde das Fachwerkhaus, welches Generationen von Dorfschulten als Wohn- und Verwaltungssitz diente und, so die Gerüchte stimmten, zeitweise auch als Gefängnis für Diebe, Trunkenbolde und geistesgestörte Straftäter herhalten musste, ehe es von seinen Herren plötzlich und aus unerfindlichen Gründen verlassen wurde. Im Laufe des neuen Jahrhunderts geriet der alte Schultenhof dann in Vergessenheit, ein mit Efeu überwucherter architektonischer Schandfleck, über dem die giftigen Dämpfe der angrenzenden Moore wie eine Nebelglocke hingen.
     Für meine Eltern der ideale Ort, um ihr zügelloses Leben fernab aller gesellschaftlichen Zwänge zu beginnen.
     Von außen bot der Komplex einen recht normalen, wenn auch leicht heruntergekommenen Anblick. Von innen jedoch entpuppte sich das Gebäude mit seinen baufälligen Rumpelkammern und den zugigen, von Trittfallen gespickten Korridoren als Labyrinth aus unliebsamen Überraschungen – was die Sache für meine Eltern umso spannender machte.
     Hier war es also, wo ich den täglichen Kampf ums Überleben führte. Schon als kleiner Wurm sollte ich zu spüren bekommen, dass jeder falsche Schritt, jede unüberlegte Bewegung ungeahnte Konsequenzen nach sich ziehen konnte: In einem Moment ungezähmter Abenteuerlust – so nannten es meine Eltern, ich selbst würde eher von Größenwahn sprechen – war es mir gelungen, die wackelige Treppe zum Obergeschoss zu erklimmen. Krabbelnd schaffte ich es noch bis in den Ostflügel, ehe es mich durch einen Durchbruch im Boden zurück in die Tiefe riss und ich im Bierkübel meines Vaters baden ging.
     »Papa!«, jammerte ich.
     »Sieh nur, Luise«, johlte mein Vater, der große Mühen auf sich genommen hatte, um die rechts von der Deele gelegenen ehemaligen Viehställe zu einer funktionstüchtigen Privatbrauerei umzubauen. »Das Mädel ist endlich auf den Geschmack gekommen!« Dann verengten sich seine glasigen Augen zu wütenden Schlitzen – er konnte sehr wankelmütig sein. »Wie oft habe ich dem Blag schon eingebläut, es soll mich nicht ›Papa‹ nennen! Heinrich! Mein Name ist Heinrich!« Er schnaubte und sein von Natur aus blasses Gesicht bekam gefährliche rote Flecken. »Manche Kinder sind spießiger als ihre Eltern.«
     »Sei nicht so streng mit ihr«, beruhigte ihn meine Mutter. »Sie ist doch erst zweieinhalb.«

 

Illustriert von Vera Möhring

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Presse zum Buch

Bilder der Lesung im Café Biermanns, Bochum

Bilder der Premierenlesung, Stadtbücherei Werne

Interview: Pia Lüddecke zu Gast bei Vitamin E:

 

https://www.eldoradio.de/podcast/pia-lueddecke-zu-gast-bei-vitamin-e

 

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