Lydia Schmölzl:

Liebe(r) am Arsch der Welt

 

Roman

 

Wie weit muss man reisen, um sich selbst zu finden?

 

Linda ist 23, lebt in Köln und findet sich und ihr Leben gerade ziemlich in Ordnung: Job läuft, Wohnung okay, Beziehung einwandfrei – bis ihre unbekümmerte Welt tief erschüttert wird! Die Liebe, das Leben – Linda stellt alles infrage und erkennt: Außer ihrer besten Freundin oder ihrem Mitbewohner hält sie nichts und niemand wirklich in Deutschland!
Aus Trotz und Frust trifft sie eine spontane Entscheidung: Jetzt oder nie! Work and Travel – Australien für ein Jahr!
In Down Under will sie einfach nur jobben, reisen, das Meer und das Nachtleben in Melbourne genießen, in den Tag leben.
Das Letzte, was Linda jetzt will oder braucht, sind Männer und Gefühlschaos. Aber dann …

 

Erfrischend, frech, authentisch. Willkommen in Lindas Leben.

 

ISBN 978-3-940853-55-4,

Paperback, 340 Seiten, EUR 15,-

 

Auch als eBook erhältlich!

 

Leseprobe

Zwei Tage später fahre ich zurück nach Köln.
Wie eine Besessene habe ich die letzten beiden Tage damit verbracht, nach Flügen zu suchen, mir Reiseberichte von andern Backpackern durchzulesen und mich in diversen Australien-Communities anzumelden.
Je mehr ich über die ganze Sache nachdenke, umso besser erscheint mir meine Idee. Ich meine, was hält mich noch in Deutschland? [...]
Natürlich gibt es Dinge, die ich vermutlich sehr vermissen werde, aber seit ich noch mit einer Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen bin, wollte ich nach Oz. Tauchen am Great Barrier Reef, Surfen in Sydney, Sekt trinken im Dschungel, Kaffee trinken in Melbourne, das Opera House, Harbour Bridge, Ayers Rock, Delfine, Palmen … klingt eindeutig verlockender als Büro, Kaffee aus der Kantine und ein Fischbrötchen von Nordsee.
Nur leider bedeutet mein Entschluss, den Kontinent zu verlassen, auch, dass es relativ viel zu regeln gibt. Zuallererst muss ich es natürlich meinen Freunden und Verwandten erzählen. Ich konnte es bisher nicht über mich bringen, meine Mutter in meine Pläne einzuweihen.

Ich finde die WG verlassen vor, worüber ich allerdings gar nicht unglücklich bin. So bleibt mir Zeit, in aller Ruhe meinen Koffer auszupacken, Wäsche zu waschen, eine heiße, wohltuende Dusche zu nehmen und mich dann mit einem Eistee, Keksen und Laptop bewaffnet auf der Couch niederzulassen. Ich brauche einen Plan! Oder eine To-Do-Liste! Ich liebe Listen! Listen bringen Ordnung in mein chaotisches Leben und es ist so ein herrliches Gefühl, wenn man einen Punkt ruhigen Gewissens abhaken kann. Fast so, als hätte man es endlich zu dem verhassten Aerobic-Kurs geschafft. Man ist stolz auf seine eigene Leistung und sei sie noch so gering.
Hochmotiviert öffne ich ein neues Word-Dokument und überlege. Das Dumme an elektronischen Listen ist, dass man sich beim Nachdenken keinen Bleistift mehr zwischen die Zähne schieben und genüsslich darauf herumkauen kann. Man ist gezwungen, wirklich etwas Produktives zu tun.

TO DO VOR AUSTRALIEN
– Freunden Bescheid geben
- Job kündigen
- Sparbuch kündigen
- Flug buchen (One Way???)
- Visum beantragen
- Reiseversicherung abschließen
- Rucksack kaufen
- Abschiedsparty geben
- Mama Bescheid sagen

Nach einer halben Stunde bin ich bereits ganz zufrieden mit meiner Auflistung. Ich habe die Punkte chronologisch angeordnet von sofort erledigen bis einen Tag vor Abreise abhaken. Mir graut wirklich vor der Reaktion meiner Mutter. Andererseits ist es vielleicht zu gemein, ihr erst so kurzfristig zu sagen, dass ihr behütetes Töchterlein sich alleine zum anderen der Ende der Welt aufmacht. Das würde sie bestimmt nicht gut aufnehmen. Schweren Herzens verschiebe ich den letzten Punkt nach oben, sodass er sich jetzt zwischen ›Flug buchen‹ und ›Visum beantragen‹ befindet. Noch eher kann ich es ihr nicht sagen; ich habe Angst, dass sie es mir sonst wieder ausredet.
Gerade als ich auf ›Speichern‹ klicke, höre ich, wie de Haustür aufgeht. Schnell schließe ich die Datei und logge mich auf Facebook ein, um keinen Verdacht zu erregen.
[...]

Am nächsten Tag treffe ich mich mit Teresa.
Nachdem wir uns an unserem Stammtisch auf der Terrasse des Brownies niedergelassen, je einen Latte Macchiato bestellt und eine Zigarette geraucht haben, kann ich es nicht länger für mich behalten.
Das Gespräch drehte sich bisher um jenen verhängnisvollen Abend im Keks, aber ich kann es einfach nicht über mich bringen, noch länger über Julian und seine Ausbrüche zu reden oder nachzudenken. Außerdem platze ich vor Spannung, jemanden in meine Pläne einzuweihen.
Als die Kellnerin unsere Bestellung bringt, nehme ich zur Beruhigung meiner Nerven einen großen Schluck Kaffee, verbrühe mir die Zunge, kriege einen übertriebenen Hustenanfall und beschließe nach zweiminütigem Röcheln: Jetzt oder nie!
»Tessa, ich muss dir was erzählen.« Sie sieht mich erwartungsvoll an, während sie, gewarnt von meiner Tollpatschigkeit, vorsichtig an ihrem Milchkaffee nippt.
Ich schlucke und finde es plötzlich wahnsinnig schwer, die nächsten Worte über die Lippen zu bringen. Wird sie sich freuen? Mich auslachen? Mich für verrückt erklären? Egal! Es muss sein!
»Ich möchte nach Australien fliegen.«
Meine beste Freundin sieht mich zweifelnd an. Dann sagt sie: »Süße, du hast nur noch eine Woche Urlaub. Meinst du, das lohnt sich? Du bist ja schon alleine 24 Stunden mit dem Flieger unterwegs und Australien ist groß. Ich weiß nicht, ob …«
Grinsend falle ich ihr ins Wort: »Nicht zum Urlaub machen, du Nuss! Für immer … na ja, nein, aber für länger. Mindestens ein Jahr.« Aufgeregt schaue ich sie an, während die Erkenntnis in ihr Gesicht rieselt.
»Du willst auswandern?!«
Ich pruste los. »Auswandern wäre jetzt vielleicht ein wenig übertrieben. Aber ich möchte ein Jahr weg und Work-and-Travel in Australien machen, ja. Das war schon immer mein Traum. Und jetzt scheint mir ein idealer Zeitpunkt zu sein.«
Teresa ist baff. Bevor sie überhaupt etwas sagt, nestelt sie eine weitere Zigarette aus der Packung und zündet sie an. »Wow, Süße, damit hätte ich nicht gerechnet. Das ist ein großer Entschluss.«
Es ist schwer, ihrem Gesicht abzulesen, was sie gerade denkt. Sie sieht leicht schockiert aus, auf jeden Fall überrascht, vielleicht auch ein bisschen besorgt. Es ist nicht ganz die Reaktion, die ich mir gewünscht hatte, aber ich kenne Tessa gut genug, um zu wissen, dass sie nicht in Jubelgeschrei ausbrechen würde. Dafür ist sie zu sehr Kopfmensch. Ein Organisationsgenie, das immer die Pros und Cons auflisten muss, bevor sie eine Entscheidung fällt. Spontan im Sommerurlaub beschließen, das Land zu verlassen? Nicht mit ihr. Ich könnte 1000 Euro darauf wetten, dass ich weiß, was sie als nächstes sagt.
»Hast du dir das gut überlegt?«
Ding, ding, ding – Der Kandidat verdoppelt seinen Gewinn. Ich muss lächeln. Und ich beschließe, ihr im selben Moment wahrheitsgemäß zu antworten.
»Ehrlich gesagt, war es eine Bauchentscheidung. Aber es fühlt sich richtig an. Ich muss noch eine Menge organisieren und erledigen, aber ich hatte gehofft, du könntest mir dabei helfen.«
Aus Welpenaugen schaue ich zu ihr rüber. Sie zieht an ihrer Zigarette.
»Klar helfe ich dir, Süße, das ist gar keine Frage! Aber erst mal will ich jetzt Details! Wie kam es dazu? Wann hast du das entschieden und vor allem: Wann geht es los?« Zusammen mit der Erkenntnis, dass es mir ernst ist mit Australien, kommt auch Teresas Aufregung.
»Den Traum hatte ich schon lange. Solange ich denken kann eigentlich, aber konkret geworden ist es, als ich vor ein paar Tagen mit Julian telefoniert habe und …«
»Du hast mit Julian telefoniert?«
»Dazu später! Jedenfalls ist mir in dem Moment bewusst geworden, dass ich nichts mehr habe, was mich in Deutschland hält und …«
»Du hast mich!«, ruft Tessa empört.
»Ja, Süße, aber du bist so eine umwerfende Freundin, dass ich weiß, du akzeptierst meine Entscheidungen und wir werden immer befreundet bleiben, egal ob 15 oder 15000 Kilometer zwischen uns liegen.« Teresa sieht besänftigt aus. Puh, grad noch gerettet. »Na ja, und dann habe ich gedacht …«
»Und du hast einen Job!«, ruft Teresa plötzlich, als sei es ihr eben erst eingefallen.
»Tessa! Wirst du mich jetzt endlich ausreden lassen?!«
»Schon gut, ich will nur, dass du alles bedenkst.«
»Ich habe an meinen Job gedacht! Was mir die Entscheidung eigentlich noch leichter gemacht hat. Denn wie du sehr wohl weißt, hasse ich meine Arbeit. So! Und nun zu dem wichtigeren Punkt: Ich habe gedacht, ich könnte Mitte September fliegen.«
Teresa sieht mich mit kugelrunden Augen an. Sie hat ein wenig Ähnlichkeit mit diesem WhatsApp-Smiley.
»Linda … das ist in zwei Monaten.«
»Ich weiß«, bemerke ich und kann ein Grinsen nicht unterdrücken. »Je eher, desto besser.«

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