Magnus See (Hg.):                                                        (Nicht noch) Eine Weihnachtsgeschichte!

 

Prächtig geschmückte Weihnachtsbäume, verschneite Winterlandschaften, rauchende Kamine, der dampfende Festtagbraten im Ofen und all überall leuchtende Kinderaugen!
In Texten über die Weihnachtszeit finden sich oft wiederkehrende romantische Motive. Aber darüber haben wir nun wirklich schon genug gelesen!

Die Erzählungen in diesem Buch sind für alle, die gerne mal etwas andere Weihnachtsgeschichten lesen mögen: skurril, lustig, fabelhaft, spannend, fantasievoll, aber auch nachdenklich stimmend.

Diese Geschichten werden Ihnen nicht die Freude an Weihnachten verderben, ganz im Gegenteil. Nach der Lektüre werden Sie Ihre eigene Weihnachtsfeier im Kreise Ihrer Lieben umso mehr zu schätzen wissen.


Mit Geschichten von Magnus See, Volker Döch, Petra Loyda, Manfred Kindler, Beate Bergau, Manfred Groeger, Heike Auel, Steffi Müller.

 

ISBN 978-3-940853-38-7
Taschenbuch, 180 Seiten
EUR 10,-

Leseprobe

aus: Magnus See. “(Nicht noch) Eine Weihnachtsgeschichte!”

 

Er war nicht der einzige Gast an diesem Abend, welcher so langsam wie eine sich leerende Whiskyflasche in die Nacht hinüberfloss, doch die anderen Gäste blieben unter sich. Charles beobachtete Menschen gerne. Deren Verhalten, ihre Gespräche und Situationen konnte er gut in seinen Kurzgeschichten verarbeiten, mit deren Abdruck in der Tageszeitung er sein Geld verdiente.

Der Wirt belästigte seine Gäste ungefragt mit Geschichten, aber jeder schien ihm gerne zuzuhören. Er war eine sympathische, aber gedrungene Gestalt, klein, rund, bäuchig, ein Rauschebart verdeckte, dass er keinen Hals zu haben schien, dafür aber Hände, mit denen er tagsüber wohl Kartoffelfelder umpflügte. Sein graues langes Haar war zu einem Zopf gebunden, und seine Knubbelnase war rötlich gefärbt, vermutlich war er sein bester Kunde. Charles jedoch belästigte der Wirt nicht mit seinen Anekdoten.

»Hier«, sprach er, als er Charles die Flasche Bowmore und ein Whiskyglas hinstellte. »Sie trinken sicher einen mehr, bedienen Sie sich selbst. Ich komme gleich zu Ihnen.«

Doch er kam erstmal nicht. Charlie hörte Gesprächsfetzen aus seinen Erzählungen mit anderen Gästen wie »… wünschte sich Ralphie doch tatsächlich ein Schießgewehr zu Weihnachten …« oder »… wollte George wissen, wie die Welt aussähe, wenn er nicht geboren wäre …« oder »… haben Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin Oliver doch noch adoptiert.«

Erst, als sich die anderen Gäste gegen Mitternacht auf den Heimweg machten und Charles seinen siebten doppelten Whisky geleert hatte, kam der Wirt auch an seinen Tisch und setzte sich ihm schwerfällig gegenüber.

»Du wirst Besuch bekommen von drei Geistern«, sprach der Gastwirt mit fester, dunkler Stimme und sah Charles dabei eindringlich an.

Der lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete den wunderlichen Wirt aufmerksam. »Das passt mir nun gar nicht, ich bin bloß zu Besuch hier und bewohne lediglich ein kleines Zimmer«, flachste der Kurzgeschichtenschreiber. »Ich hätte auch gar nichts zum Anbieten für die drei.«

»Sie kommen nicht alle gleichzeitig«, erklärte der Wirt. »Einer nach dem anderen. Erwarte den ersten morgen Abend zum neunten Glockenschlag nach der Mittagsstunde.«

»Wann?« Der Whisky hatte seine Auffassungsgabe getrübt.

»Morgen Abend, neun Uhr, Mensch!«

»Ach so, da werde ich hier sein und den Rest der Flasche Bowmore leeren. Sagen Sie den drei Geistern Bescheid, dass ich hier sein werde?«

»Die finden dich schon.«

»Dann ist ja gut. Ich breche jetzt auf«, kürzte Charles dieses merkwürdige Gespräch ab, zahlte den Whisky und ging in seine Pension zurück, wo er müde ins Bett fiel.

 

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